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Meine Reisen sind auch der Versuch Krieg zu verstehen

Seit 16 Jahren dokumentiert der Fotograf Andy Spyra mit seinen intensiven, subjektiven Schwarzweißbildern Kriege und Konflikte in Ländern wie Syrien, Afghanistan, Nigeria oder dem Südsudan. Für den FREELENS e.V. Themenschwerpunkt „Kriegs-, Krisen- & Konfliktfotografie“ sprach ich mit ihm über seine Motivation, seinen Fotostil und was für ihn ein gutes Bild ausmacht.

Andreas Herzau: Als wir uns zu diesem Interview verabredet haben, flogst du gerade für drei Wochen nach Afghanistan. Wie hast du dich auf diese Reise vorbereitet?

Andy Spyra: Gar nicht. Bei meinem letzten Besuch bin ich zusammen mit dem Autoren Wolfgang Bauer auf ein neues Thema in Ostafghanistan gestoßen, das wir jetzt recherchiert und umgesetzt haben. Die Geschichte war also klar und sowohl die Region als auch die Sicherheitslage waren uns gut bekannt. Es stand auch fest, dass wir inkognito reisen werden. Das heißt, ohne militärische Begleitung, ohne Schutzweste, ohne Helm. Letztlich bedeutet das dann für uns, dass wir vor Ort den afghanischen Dresscode adaptieren. Dafür haben wir landestypische Gewänder mit entsprechender Kopfbedeckung und wir lassen uns vorher die Bärte wachsen. Das ist im Wesentlichen die einzige Vorbereitung.

Hattet ihr auch einen Fixer?

Ja, man kann in Afghanistan ohne Fixer, dem man ja letztlich sein Leben anvertraut, nicht mehr arbeiten. Die Sicherheitslage in Ostafghanistan erlaubt es nicht, alleine herumzureisen.

Habt ihr euch den Fixer vorher oder erst vor Ort organisiert?

Wir kennen ihn schon seit gut zwei Jahren. Damals hatten wir in Kabul eine Art von Casting gemacht und schlussendlich ihn gefunden, der früher als Übersetzer gearbeitet hatte, schon viel gereist war und ein sehr gutes Englisch spricht. Seither arbeiten wir mit ihm zusammen.

Hast du eine spezielle Packliste, wenn du in Länder wie Afghanistan fährst?

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand ist für mich die Powerbank, um unsere Handys und die Kamera-Akkus zu laden. Vor allem für die Handys ist das wichtig, da auf Grund der Sicherheitslage ein Telefon unabdinglich ist.

Wie finanzierst du deine Reportagen, die ja schon aufwändig sind?

Mittlerweile fahre ich mehrgleisig. Zum Teil finanziere ich meine Arbeiten durch Stipendien wie z.B. eine Förderung durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst, versuche aber gleichzeitig, Geld von Redaktionen zu bekommen. Wichtig sind für mich auch NGOs geworden, weil diese Organisationen deutlich besser bezahlen als Magazine oder Zeitungen. Parallel dazu vertreibe ich meine Bilder in Ausstellungen und Büchern.

Was motiviert dich, in gefährlichen Ländern wie Afghanistan fotojournalistisch zu arbeiten?

Das ist eine Frage, bei der ich selbst noch die Antwort suche. Für mich ist es eine Mischung aus rein persönlichen Gründen wie Neugier oder auch Abenteuerlust und dem politischen Interesse an diesen Regionen und grundsätzlich dem Krieg als Konzept. Bevor ich Fotograf wurde, wollte ich Politik mit dem Schwerpunkt internationale Politik und Konflikt- und Friedensforschung studieren. Hat dann nicht geklappt und ich bin Fotograf geworden. Insofern studiere ich heute diese Fächer mit den Mitteln der Fotografie.

Mit meiner Fotografie gelange ich ins Zentrum dieser Themen bzw. Konflikte und versuche dann vor Ort, die Dinge zu verstehen und zu vermitteln.

Krieg hat für mich etwas sehr intensiv Bewegendes und Interessantes, nahezu eine Sogwirkung, auch und gerade weil ich hier in Deutschland aufgewachsen bin und vor diesem Hintergrund solche Thematiken nicht verstehen kann. Meine Reisen in diese Kriegsgebiete sind also immer auch der Versuch, Krieg zu verstehen: Was das genau ist und was er mit den Menschen, mich eingeschlossen, macht.

Du arbeitest in einem Genre, der Kriegs- und Krisenfotografie, welches meist sehr nachrichtliche Bilder verlangt. Deine Bilder sind allerdings schwarzweiß, oft verrätselt und kryptisch. Wieso?

Weil ich nicht anders fotografieren kann. Ich denke, jeder Fotograf hat eine Persönlichkeit und je mehr Möglichkeiten dieser entwickelt, um sich fotografisch auszudrücken, desto näher kommt er seiner eigenen Persönlichkeit und damit dem, was er eigentlich sagen möchte. Ein schlechter Fotograf oder ein Amateur ist nicht in der Lage, die volle Bandbreite seiner Persönlichkeit in eine Fotografie zu übertragen. Das Gleiche gilt im Übrigen für alle Spielarten des menschlichen Ausdrucks. Ich versuche, mit meiner Fotografie das auszudrücken, was ich ganz subjektiv empfinde.

Dir geht es dann mehr darum, dich selbst auszudrücken, als etwas zu dokumentieren?

Nein, nur um mich auszudrücken, brauche ich nicht nach Afghanistan zu fahren. Ich halte die politischen Vogänge in diesen Gegenden für relevant und möchte diese auch kommunizieren und auf sie aufmerksam machen. Aber ich halte es auch für ziemlich vermessen, in Kriegsgebieten zu fotografieren – teilweise unter sehr schwierigen Verhältnissen – und dabei noch objektiv zu bleiben. Berichte sind immer subjektiv geprägt und ich selbst habe nicht den Anspruch, objektiv zu sein. Es ist vielmehr so, dass sich in meinen Bildern auch meine Unwissenheit, meine Neugierde und die Ungewissheit darüber, was sich dort jeweils abspielt, widerspiegelt. Oft bleiben die Dinge für mich auch unverständlich. Nicht unbedingt nur das Schreckliche des Krieges, auch bei den Kulturen, denen ich in Nigeria oder Ostafghanistan begegne, stoße ich an meine Grenzen des Verständlichen.

Deine Bilder sind nicht sehr explizit, die Brutalität und der Horror des Krieges erscheinen nur mittelbar. Ist es nicht unsere Aufgabe als Dokumentaristen, genau dies deutlich zu zeigen?

Ich sehe mich nicht unbedingt als Dokumentarist in solchen Gegenden. Ich sehe einerseits die Notwendigkeit, dass diese Art von direkter Kriegsfotografie periodisch immer wieder gezeigt wird, aber ich glaube nicht, dass z.B. meine Bilder aus Rakka, aus Syrien, von der Front irgendetwas verändern könnten. Es sind wohl eher die menschelnden Bilder, die vielschichtig und hintergründig sind und die, auf denen Emotionen sichtbar werden, die etwas verändern. Das klassische Agenturbild berührt mich selbst ja auch nicht mehr.

Immer wieder wird von einer Krise des Fotojournalismus geredet. Wie steht es denn mit der Krisenfotografie? Gibt es eine Krise der Krisenfotografie?

Ich glaube, es gab in Deutschland noch nie eine Blütezeit der Krisenfotografie. Ich mache das zwar auch erst seit knapp 15 Jahren, aber es war meines Wissens noch nie einfach, Fotogeschichten aus den Teilen der Welt, in denen ich oft arbeite, in deutschen Magazinen unterzubringen. Solche Themen und Bilder sind immer schon etwas stiefmütterlich behandelt worden. Das hat in Deutschland vielleicht auch historisch gewachsene Gründe, dass man hier zu Lande dem Thema Krieg grundlegend sehr ablehnend gegenübersteht und sich auch eigentlich nicht damit beschäftigen will. Dazu kommt, dass Deutschland in diesen Regionen – Afghanistan mal ausgenommen – nie kriegerisch oder politisch involviert war. Zudem fehlen in den Auslandsredaktionen auch einfach die Leute, die dieses Risiko auf sich nehmen, dort hinzufahren und dann zu berichten. In Deutschland kann man die Zahl derjenigen, die regelmäßig Kriegsreportagen machen, an ein oder zwei Händen abzählen.

Ich glaube jedoch, dass gut recherchierte, hintergründige Geschichten, auch und gerade aus den fernen Kriegen dieser Welt, in der heutigen Zeit mehr denn je gebraucht werden. Kaum ein Krieg heute passiert noch politisch oder geografisch isoliert. Die Flüchtlinge sind das offensichtlichste Symptom für eine immer näher zusammenrückende Welt.

Letzte Frage, die ich eigentlich allen stelle: Nach wie vor sind die meisten Krisen- und Kriegsfotografen männlich. Was sind deiner Meinung nach die Hintergründe.

Ganz schwierige Frage. Es könnte sein, dass es an der Risikobereitschaft von jungen Männern liegt – die meisten Fotografen in diesem Bereich sind noch sehr jung, haben keine Kinder und sind dementsprechend bereit, solche Risiken in diesem Job einzugehen. Vielleicht hängt es tatsächlich mit diesen einfachen Gründen zusammen.

Wenn ich mir die Frauen ansehe, die diesen Job machen, sind sie sehr erfolgreich. Gerade in Krisengebieten stehen diesen Frauen, weil sie eine Frau sind, viele Türen nochmal ganz anders offen. Ich habe während unserer Zeit in Afghanistan keine einzige Frau gesehen – nicht eine. Die Hälfte der Bevölkerung ist einem als Mann dort vollkommen verschlossen. Als Frau hat man da natürlich andere Möglichkeiten.

Danke für das Gespräch.

Diese Interview wurde zuerst auf der Website von Freelens e.V. veröffentlicht.

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